Fünf Gründe, warum die Berufswahl heute oft so schwer fällt
1. Zuviel Information
Egal wen Sie fragen: Wenn Sie eine Entscheidung treffen müssen erhalten Sie den Rat: Informiere Dich! Und zwar so umfassend und erschöpfend wie möglich. Das ist grundsätzlich erstmal auch richtig. Aber in der heutigen Zeit haben wir meistens nicht zuwenig Informationen, sondern zuviel!
Daran ist vor allem das Internet schuld. In Sekundenschnelle erhalten wir eine Flut an Infos, die es beispielsweise zu Berufsbildern oder Studiengängen gibt. Inklusive mehr oder weniger qualifizierter Kommentare. Was fehlt, sind Kriterien zur Einordnung und Gewichtung der Informationen.
Wann hat man die Infos, die man braucht? Wann hört man auf, zu suchen? Stimmt das auch alles, was ich erfahren habe?
Fazit: Ein Zuviel an Informationen bringt mehr Unsicherheit als Sicherheit.
2. Zuviel Auswahl
Früher gab es ein paar Grundberufe und einige klassische Studiengänge. Heute haben wir rund 340 Ausbildungsberufe und 180 Studienfächer (ohne die verschiedenen spezielleren Ausrichtungen).
Und ständig kommen weitere hinzu. (O.K. , einige Berufe sterben auch aus. Es gibt z.B. beklagenswerter Weise immer weniger Küfner, Feintäschner oder Putzmacherinnen).
Wer nun glaubt, dass mehr Auswahl in jedem Falle besser ist, der irrt. Aus der Konsumforschung kennen wir zum Beispiel folgenden Versuch: In einem Supermarkt werden in der einen Woche 47 Marmeladesorten im Sortiment angeboten, für jeden Geschmack etwas. In der nächsten Woche stehen nur 7 Sorten im Regal. Wann wurde wohl mehr verkauft? Genau, in der Woche mit den 7 Sorten.
Der Grund dafür ist grob gesagt der kognitive Prüfaufwand; es ist sehr mühselig, alle Sorten bezüglich Menge, Qualitätsversprechen, Preis und so weiter miteinander zu vergleichen. Das schreckt ab.
Ähnlich ist das bei Nudeln, Kaffee und Studiengängen. Irgendwann verliert man den Überblick!
3. „Angst zu kurz zu kommen und es nicht zu schaffen“
Wir alle bekommen immer wieder durch das persönliche wie auch das mediale Umfeld signalisiert: Die Welt leidet an Mangel. Mangel an Arbeitsplätzen, Geld, Ressourcen. Die Jugend von heute wird es schwer haben, den gleichen Wohlstand zu haben, wie die Eltern.
Alles ist unsicher. Aber stimmt das so?
Nun, zunächst einmal spricht vieles eher dafür, dass die meisten jungen Menschen, die heute ins Berufsleben streben, eigentlich recht gute Karten haben: Gutes Ausbildungsniveau, gute infrastrukturelle und gesellschaftliche Voraussetzungen (ja, ich weiß, auch hier gibt es Missstände, aber trotzdem!), relativer Wohlstand der Eltern (Erbengeneration), bereits lange währender Frieden.
Außerdem spielt ihnen die demographische Entwicklung in die Karten. Der Gesellschaft gehen die qualifizierten Fachkräfte aus.
Auf der anderen Seite gibt es eben die Angst, es nicht zu schaffen:Generation Praktikum (allerdings in Wirklichkeit schon lange kein Thema mehr), Entlassungswellen, Globalisierung, Fundamentalismus, Terror…all dies vermischt sich zu einem diffusen Gefühl der Bedrohung.
Warum nur werden die Risiken höher bewertet als die zweifellos vorhandenen Chancen?
Nun, das ist zum einen von der Evolution her gesehen verständlich. Potenzielle Bedrohungen werden überproportional wahrgenommen. Die falsche Einschätzung des merkwürdigen Geräusches im Unterholz hindert den weniger attentiven Steinzeitmensch nachhaltig an der Weitergabe seiner Gene an die nächste Generation. Sein ängstlicherer Nebenmann konnte dem Säbelzahntiger entgehen. Auch wenn er vorher zehnmal falsch lag.; dieses Mal hat ihm die Angst geholfen. Vorsicht lautet die Devise!
Zum zweiten gibt es noch eine weitere Tendenz in uns, nämlich die sogenannte Verlustaversion!
Es handelt sich dabei um eine Form der kognitiven Verzerrung.
Kurz gesagt überschätzen wir Dinge, die wir besitzen in ihrem Wert. Der Verlust von Geld, Aktien, irgendwelcher Dinge oder auch der Zugehörigkeit zur ersten Fußball- Bundesliga, bereitet uns mehr Schmerz, als ein möglicher gleich hoher Gewinn uns Freude bringt.
Motto: Wer viel hat, hat auch viel zu verlieren. Und wer weiß, ob der mögliche Gewinn das irgendwann einmal aufwiegt? Angst!
Also: Objektiv birgt die Zukunft für junge Menschen (im Grunde natürlich für uns alle) viele Chancen, aber auch einige Risiken.
Gelegentlich sollten wir uns diese Gewinn- und Verlustrechnung vor Augen führen.
Die Wahrscheinlichkeit, „es zu schaffen“ ist gar nicht so gering.
4. Die Annahme, es gibt die perfekte Strategie/ Fehler sind irreversibel
„Mach Dein Abi mit 1,0! Dann noch einige Praktika bei maßgeblichen Unternehmen. Auslandsaufenthalte sind ebenso obligatorisch wie ehrenamtliches Engagement.“
All das ist für sich genommen natürlich nicht falsch.
Aber wenn man sich dieser Annahme zu sehr verschreibt, führt dies bei der Berufswahl oft zu einer enormen Verkrampfung:
Die Angst vor der falschen Entscheidung lähmt. „Dies muss ich noch unbedingt tun. Und das andere auch noch;“ vor lauter Aktivismus und Stromlinienförmigkeit kommen wichtige Dinge wie persönliche Zufriedenheit und die Entwicklung der Persönlichkeit oft zu kurz.Die guten Unternehmen stellen aber Persönlichkeiten ein. Zugegeben: qualifizierte, flexible und leistungsbereite Persönlichkeiten. Aber letztlich: Persönlichkeiten.Das gilt auch für künftige Selbständige.
Ein weiterer gern erteilter Rat ist:
Lies die Biographien von erfolgreichen Menschen und kopiere deren Vorgehen!
Es gibt den richtigen Weg zu Karriere, Ruhm und Glück, und man kann ihn planen!
Aber ist das wirklich so? Wer sagt denn, dass die Empfehlungen in den Biographien (oder meist: Hagiographien) auch nur einen Schuss Pulver wert sind. Was wir dort nämlich erleben, ist der sogenannte „survivor bias“. Denn nur die Überlebenden, diejenigen, die es nach ganz oben geschafft haben, finden unser Gehör. Die restlichen sind untergegangen. Ob sie vielleicht alle die gleiche Strategie wie die Überlebenden oder gar eine bessere hatten, erfahren wir nie.
Und vor allem: Der angebliche rote Faden im Werdegang entsteht immer erst in der Rückschau! Im Voraus kann ihn keiner erkennen.
Karriere und Berufserfolg beruhen auf Fähigkeiten, Strategie….. und einem ganzen Haufen purem Glück!
Die Karriere wird nicht einmalig geplant und dann durchexekutiert. Wir müssen immer wieder neu entscheiden und auch ein bisschen auf den Zufall hoffen.
Das Leben beruht zu weiten Teilen auf der „Kunst des Durchwurstelns“. Oder vornehmer ausgedrückt: Der „biographisch- situativen ad-hoc-Heuristik“
(Bitte nicht zitieren: Scherz von mir!)
So weit wie John Lennon würde ich allerdings nicht gehen. Ihm wird ja die Sentenz zugeschrieben: Life is what happens, while you´re busy making other plans“.
Also: Ein gutes Abitur, das ein oder andere Praktikum und ein bisschen Ehrenamt können natürlich nicht schaden. Ein grober Plan auch nicht.Aber ansonsten: „Schaun mer mal, dann sehn ma schon.“ Entspannen Sie sich!
5. Chronische Selbstunterschätzung
Den Schülern und Absolventen fehlt es allzu oft an Selbstvertrauen. Ja ich weiß, das sieht häufig ganz anders aus. Aber in tausenden Gesprächen habe ich die Erfahrung gemacht, dass der Schein meist trügt: Zuwenig Selbstvertrauen ist in der Regel das Problem, nicht zuviel.
Das liegt unter anderem daran, dass wir unsere eigenen Defizite sehr genau kennen. Die Schwächen der anderen hingegen sind uns mehr oder weniger unbekannt. Dass wir sie nicht sehen können, bedeutet aber noch lange nicht, dass die anderen keine haben.
Im Gegenteil, den meisten geht es genau wie uns!
Die Selbstunterschätzung finden wir gehäuft bei bestimmten Persönlichkeitskonstellationen. Dazu demnächst mehr in einem anderen Beitrag mit dem Thema: „Persönlichkeitsfaktoren und Berufswahl“
Ralf Klinge
(Dipl. Psych.)
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